25.05.2015 // Toby: Der Morgen nach dem letzten Konzert: Der Kopf brummt und der Körper fühlt sich an wie überfahren. Eigentlich alles wie immer am Tag nach einem Tourabschluss.

Trotzdem heißt es heute wieder: Früh aufstehen. Nach wieder einmal ca. 3h Schlaf sitzen Mona, Tobi und ich ein letztes Mal gemeinsam beim Frühstück. Wir packen unsere Sachen zusammen und Johannes kommt mit Nessi vorbei. Vor dem Hotel verabschieden wir Tobi Richtung Flughafen und Heimat. Er muss leider schon zurück. Für uns geht es nochmals zum Flohmarkt von San Telmo, der uns schon letzten Sonntag sehr gut gefallen hatte. Außerdem gab es gestern Abend von Campino noch den Hinweis „Morgen San Telmo, ihr wisst schon“. Aha, eigentlich wissen wir nichts. Wir laufen also planlos über den Trödelmarkt und halten ein wenig Ausschau. Ein Konzert? Hier? Mitten im Gedränge? Irgendwie unwahrscheinlich. Uns erreicht ein Facebook Posting der offiziellen DTH Seite. Würstchen in San Telmo? Nur wo? Wir klappern einige Asado Ecken ab können uns aber nirgends ein Konzert richtig vorstellen.

Uns sprechen zwei argentinische Hosenfans an. Irgendwas mit Facebook und México und Balcarce. Schnell wieder das nächste free Wifi-Netz suchen und checken. Tatsächlich: Ein Bild von den beiden Straßen mit dem Hinweis „Vamos!“. Also auch Vamos! für uns. Einmal quer durch San Telmo entdecken wir am Ende einen kleinen Asado Grill in dem uns ein bekanntes Gesicht auffällt. Ein Tourpass funkelt unter dem Shirt und wir wissen: Hier sind wir wohl in der richtigen Ecke. Also weiter zur Straßenkreuzung und siehe da: die DTH Roadies bauen grade auf. Direkt auf dem Bürgersteig vor einer Disco soll es heute also nochmals krachen. Wir stellen uns zu den ersten fünfzig Fans dazu und beobachten das Treiben. Immer mehr Fans strömen aus aller Richtung zur Kreuzung und die Nachbarn werfen erste neugierige Blicke auf das Geschehen. Noch läuft der Verkehr über die Straßen, aber wahrscheinlich nicht mehr lange.

Ungefähr eine halbe Stunde vergeht bis ein großer silberner Bus am Ende der Balcarce erscheint. Die Aufregung ist bei allen Fans groß. Sind das die Hosen? Auf den Dächern stehen mittlerweile die Nachbarn und auch auf dem Balkon des gegenüberliegenden Hauses steigt eine kleine nachbarschaftliche Party. Auf einmal wird es laut. Die Hosen steigen aus dem Bus und laufen die Straße herunter um zu ihren Instrumenten zu gelangen. Einfacher gesagt als getan: Sofort stürzen sich die argentinischen Fans auf die Band, fragen nach Autogrammen und Fotos. Mit Hilfe von Schande und Toni gelangen sie schlussendlich dann doch zur Straßenbühne.

Krach! Und zum Start „Blitzkrieg Bop“! Auf der Straße befinden sich mittlerweile ca. 200 bis 300 Fans, die sofort anfangen zu hüpfen und mitzusingen. Party in San Telmo! Danach „Altes Fieber“ und Campino erklärt, dass sie eigentlich niemals mehr nach Hause fahren wollen würden. Buenos Aires sei ihre zweite Heimat und sie bedanken sich nochmals für die vergangene Woche. Außerdem die Aufforderung an die Fans: Schreit die Songs, die ihr hören wollt. Es gäbe heute keine Setlist! „Auswärtsspiel“ und der Buenos Aires Rawr ist wieder zu hören. Campino klettert immer wieder auf die Boxen links und rechts von der Bühne und auf das Straßenschild der Kreuzung. Bilder für die Ewigkeit. Beim Umschauen sieht man immer mehr Fans aus allen Himmelsrichtungen auf die Kreuzung zu strömen. Der Verkehr steht mittlerweile still und die ersten Straßenverkäufer machen mit kaltem Bier ein gutes Geschäft.

Nach Iggy Pops „The passenger“ folgt „Bonnie & Clyde“. Für mich eines der Lieder, das in Argentinien einen ganz anderen Charme bekommen hat. Wie die argentinischen Fans die Gitarrenriffs mit ihrem „Ohooohooo“ begleiten ist wirklich genial. Eine neue Intensität für diesen Song! Beim The Clash Cover „Should I stay or should I go“ tanzen dann auch alle Anwesenden, die die Hosen nicht wirklich kennen. Aber Punkrock Klassiker kennen hier irgendwie alle und spätestens bei „Uno, dos, ultraviolento“ brennt dann wirklich diese kleine Straßenkreuzung in San Telmo.

Campino verbindet seine Klettereinlagen immer wieder mit Sprüngen ins Publikum. Respekt! Im Endeffekt hat er ja sieben Mal auf der Bühne gestanden und ein Mordsprogramm hinter sich. Ich stand nur unten und habe zugeguckt. Trotzdem scheint der Prediger deutlich fitter zu sein, als ich oder die anderen Fans, die gestern Abend noch im Roxy waren. Nach „Liebeslied“ kündigt Campino dann einen besonderen Besucher an: Der blinde argentinische Fan, der sich schon im Teatro Flores todesmutig von der Bühne ins Publikum gestützt hat, ist ebenfalls vorbeigekommen. Campino erzählt von dieser Wahnsinnsaktion und fragt ihn, ob er denn heute „sein“ Lied singen möchte. Schließlich stand er ja bei „Paradies“ auf der Bühne. Seine Antwort: „Nein“. Er möchte lieber hinters Schlagzeug. Leicht verdutzt führt Campino den Fan auf Voms Hocker. Vom selber muss erstmal Platz machen. Und was will dieser Haudegen spielen? „Rockaway Beach“ – Kein Thema! Los geht’s und dann stehen wir mit offenen Mündern da. Dieser Teufelskerl legt einen 1a Auftritt hinter der Batteria hin und haut uns das Ramones Cover blitzsauber um die Ohren. Auch die Hosen sind vollends begeistert und schauen sich immer wieder ungläubig an. Vom hat die Situation als erster verstanden und schnappt sich ein Mikrofon um in Campino-Manier auf die Boxen zu klettern, um von dort das Lied mitzusingen. Er wird wohl in Argentinien erstmal nicht mehr gebraucht werden. Campino und Breiti bedanken sich nach dem Song überschwänglich beim Argentinier und überschlagen sich mit Lobeshymnen und Danksagungen. Hat er sich aber auch absolut verdient! Das war großes Kino!

Im Anschluss gab es dann „First time“ auf die Ohren. Das Cover von den Boys hatte sich Mariano Ash, Tourmanager für Argentinien, gewünscht. Er hatte es beim ersten Hosenkonzert in Buenos Aires 1992 gehört und liebt laut eigener Aussage die Version der Hosen. Mit „Dias como estos“ beendeten die Hosen dann ihr Straßenkonzert und rannten Richtung Bus. Doch weder war die Polizei bisher aufgeschlagen, noch gab es irgendeinen anderen Grund aufzuhören. Also doch wieder zurück auf die Bühne: „Wünsch DIR was“ wurde nochmals mit den lautstarken argentinischen Fans gesungen, bevor wir mit „You’ll never walk alone“ verabschiedet wurden. Unglaublich, dass wir nochmals mit einem Konzert in Buenos Aires beschenkt wurden.

Die Hosen rannten nach einigen Fotos und Autogrammen wieder zum Bus und waren so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Auch die Crew packte hastig Gitarren und Equipment ein und nach einer Viertelstunde deutete nur noch der Menschenauflauf auf der Kreuzung auf das Konzert hin. Wirklich realisieren konnten wir das Alles nicht. Ungläubig schauten wir uns an, schüttelten die Köpfe und warteten auf das Aufwachen aus diesem unwirklichen Traum.